Karneval der Sintflut

Endlich! Heute hatte ich es geschafft, nach Jahren, zu den Karneval der Kulturen zu gehen. Schnappte meine beiden Mädels, traf mich mit Schwester und Mutter und stürzten uns in die Menschenmassen. 

Es war voll ohne Ende, Menschen über Menschen, die Sonne schien und es wurde drückend schwül. Mit dem Strom mitlaufend, schlenderten wir von Stand zu Stand. Guckten hier, guckten da, Klamotten, Schmuck, Schuhe, Hennatattoos, Shiatsu-Massagen in kleinen Zelten, Handleser, Musik an jeder Ecke, riesige Rauchschwaden zogen von den Wurstbuden rüber, dass man dachte, da fackelte alles ab, die Gerüche vom Essen aller Nationalitäten, und all die Menschen in ihren verschiedenen Kleidern, buntgemischt, in allen Farben, von verloddert, sportlich, total hübsch oder die buntgekleideten afrikanischen Frauen oder ganz schlicht, die Ökomenschen, und Frauen stolzierten geschminkt und super gestylt, von jung bis alt, schreiende Babys, lachende Kinder, Hunde, die den Beinen auswichen oder getragen wurden. Lachende, fröhliche Menschen, laut singend, in die Hände klatschend, tanzende Frauen und Männer aller Altersstufen, sogar ein älterer Herr tanzte die wild….so viel, so bunt, ein stetiges, lautes Treiben….

Meine Nerven lagen für kurz blank, da für mich so viele Menschen der Horror sind, ich konnte mich nicht mehr fokussieren, alle Eindrücke stürzten auf mich ein…ich versuchte den Tunnelblick anzuwenden, aber ich musste um mich schauen, alles sehen, hören, riechen…

Zwischendurch aßen die Kids eene Bratwurscht, tranken an einem Stand Fliederwasser, dann schlürften wir direkt aus einer Kokosnuss. Später gab es Empanada oder wie die Teigtaschen heißen und zur Nachspeise so ein Keks aus Maismehl und Sahnekaramell, boah! war das lecker!!! Und weiter ging es, kaufte meiner einen Tochter einen wasserdichten Rucksackbeutel, die gerade in sind, probierten coole Sandalen aus, an einem Stand testeten wir die Miniinstrumente, buntes Slusheis gab es noch und für uns Erwachsene bestellten wir Caipirania…äh nein..Caipirinia 😂, mit einer enormen Mischung, die echt reinhaute, fanden einen Platz zum Hinsetzen…

….und da sahen wir schon die dicken, schwarzen Wolken auf uns zukommen. Wir schafften es noch auszutrinken und dachten, es wird bestimmt ein bisschen tröppeln und das wär’s dann wohl. OH NEIN! Es kam heftig runter. Nicht nur heftig, ein wahrer Sintflut, ein Sturzbach, ein Megawolkenbruch brach über uns zusammen. Es regnete, nein es kam runter, wie aus Eimern, so schnell und plötzlich, dass wir nicht mehr die Möglichkeit bekamen, zu flüchten. Wir wussten noch nicht mal wohin. Es gab nichts unterzustellen. Die meisten Buden hatten nur so kleine Vorbaus, wo schon all die Menschenmassen sich zusammendrängten. Unser Teestand, wo wir gerade uns befanden, hatte gar keinen Vorbau. Wenigsten schützte der Baum uns ein wenig. Ich kaufte derweil mir, während ich nass und nasser wurde, schnell noch Dattel- und Moringatee, für das Arganöl gingen meine Nerven flöten und wollte nur noch weg. Wir drängten uns zu sechs bei meiner Mama unter ihrem Minischirm, aber es stürzte immerzu weiter über uns ein. Meine Größere hielt ihren neuen Rucksack über ihren Kopf und die Kleinere versuchte sich mit ihrer Jeansjacke zu schützen. Es brachte alles nichts. Es wurde immer schlimmer und schlimmer, es hörte nicht auf. Die Menschen rannten, suchten Schutz, überall standen sie dicht zusammen , für uns war kein Platz mehr… wir rannten zum nächsten Baum, aber es brachte nichts, alle wurden wir nass, bis auf die Knochen….jemand lief fröhlich mit ausgebreiteten Armen durch den Regen, andere gröhlten ihm fröhlich zu…unter einer anderen Bude standen die Menschen wie eine Pyramide aufgestellt, lachten und riefen und prosteten uns mit Bier zu…wir liefen dann los, es brachte eh nix mehr, wir waren pitschnass und froren wie die Schneider. Riesige Pfützen bildeten sich, eine Frau rannte versehentlich hinein und schrie, kleine fließende Bäche flossen den Weg entlang. Ausweichen war nicht mehr möglich und das Regenwasser weichte unsere Schuhe auf und durchnässte unsere Socken. Wir liefen immer weiter im Eiltempo Richtung U-Bahn und endlich kam der ersehnte Schacht, und mussten an den Stufen stoppen, denn auch hier standen all die Menschen dichtgedrängt bis hinunter, auch hier wurde gelacht und gejauchzt, jemand ließ laute Musik aus Lautsprechern laufen und sie tanzten unten in der U-Bahnstation. 

Und weiter und weiter quetschten wir uns an dichtgedrängten Leibern hindurch, endlich im Trockenen, die Klamotten klebten unangenehm auf der Haut, wir froren erbärmlich und wollten nur noch nach Hause, aber wir nahmen es mit Humor und lachten über uns selbst, wie wir aussahen, so nass und dreckig die Hosen, es triefte und tropfte, die T-Shirts konnte man auswringen. Eine Frau kam uns entgegen aus der U-Bahn und fragte, ob es noch so regnete und wir ja so nass wären…. dann funktionierte der Fahrkartenschalter nicht, das Geld fiel dauernd durch, so fuhren wir „schwarz“ Richtung nach Hause. 

Der Regen hatte aufgehört und das Rot der goldenen Abendsonne leuchtete auf. Zu Hause befreiten wir uns, besser gesagt, schälten wir uns aus den nassen Klamotten, die wie eine zweite Haut an uns klebte. Selbst bis auf die Unterhosen waren wir nass. Warfen alles in die Waschmaschine und jeder hopse unter die Dusche und ich kochte dann den leckeren Datteltee. 

Wieder aufgewärmt, trocken, in unseren gemütlichen Hausklamotten, gönnte ich mir kurz eine Verschnaufpause, dann schnappte ich den Hund und ging hinunter zum Teich. Dort genoss ich die Ruhe und Stille und es war gerade weit und breit kein Mensch. Und die Sonne leuchtete golden. 




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